Interview
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Duftpsychologie – ein Interview mit Maître Parfumeur Marcel F. Reinhold

Marcel Reinhold

Marcel Felix Reinhold, tätig als Kolumnist im PARFUMgeflüster-Blog, fing bereits mit 12 Jahren an, Parfums zu mischen und Kreationen für Freunde zu kombinieren. Aus dieser Leidenschaft wurde Berufung. Mittlerweile zählt er zu den gefragtesten Parfum Experten Deutschlands und Berater für selektive Artistic Parfums. Stationen mit Parfumeuren in Grasse / Frankreich und Italien ließen ihn eintauchen in den unendlichen Kosmos der Düfte. Marken wie Acqua di Biella, BOIS 1920, IL PROFVMO oder Lorenzo Villoresi beauftragen ihn mit Parfum Seminaren. Projekte wie das „Duftessen – Geniessen mit allen Sinnen“ oder Duftvorträge auf dem „ZDF Traumschiff“ oder die Sendung Parfümerie bei QVC – all das gehört zum Alltag eines absoluten Parfum Spezialisten.

Für Style and Beauty nahm er sich die Zeit, einige Fragen zum Thema „Duftpsychologie“ zu beantworten. Aufmerksame Blogleser werden wissen, dass ich ein Fan von erlesenen Düften bin und somit war es sehr interessant für mich einmal einen Experten zu interviewen.

Wie finde ich den passenden Duft für mich?
Indem ich das passende Fachgeschäft aufsuche und mir vor allem Zeit nehme.

Was verraten wir mit der Entscheidung für ein Parfum über uns selbst?
Eine ganze Menge, schließlich ist es unsere unsichtbare Visitenkarte. Und unser Gegenüber nimmt uns sensuell so wahr.

Ist es möglich, von den Vorlieben für bestimmte Düfte auf Persönlichkeitsmerkmale zu schließen?
Absolut, da gibt es viele Parallelen. Bin ich eher distanziert oder eher bestimmt? Trage ich leichte Düfte oder möchte ich auffallen?

Wie lange dauert es, einen neuen Duft zu entwickeln?
In der kommerziellen Parfumschiene geht es schnell – ca. eine Woche. Bei Selektiv und Artistic Marken kann es von einem bis zu 10 Jahre und länger dauern, bis aus der Idee das Gesamtwerk entsteht.

Wieso sind für uns Düfte so wichtig?
Weil sich mit Düften unser Leben verschönert. Ein Parfum ist das erste Stück Luxus mit dem wir uns und unserem Umfeld eine Freude machen. Düfte können auch wie ein Kurzurlaub oder eine Sinnesreise sein. Es ist das Labyrinth von Erinnerungen.

Wie trage ich ein Parfum richtig auf?
Ab dem Bauchnabel aufwärts. Am besten auf der Haut, an den pulsierenden Stellen.

Warum gefallen uns bestimmte Düfte, und manche nicht so sehr?
Weil man das Auge betrügen kann, nicht aber die Nase.

Kann ein Duft die Sympathie eines Menschen positiver beeinflussen?
Ja. Daher kommt die Redewendung „jemanden gut riechen können“.

Verändert sich unser Geruchsempfinden in den Jahreszeiten?
Ich würde sagen ja. Wenn es heiß ist, wirken orientalische Düfte oft zu schwer auf uns, denn wir möchten einen kühlen Kopf bewahren. In der Zeit neigt man zu Leichtigkeit und Frische. In der kalten Jahreszeit benutzen wir Düfte, die auch der Temperatur draußen und drinnen standhalten und uns wie ein transparenter Kaschmirpullover einhüllen. Düfte, die Geborgenheit schenken.

Was genau unterscheidet einen Frühlingsduft von einem Herbst-Winter-Duft?
Frühlingsdüfte sind meist eine Hommage an florale Parfums. Herbst-Winter-Düfte sind eher gewürz- und vanillelastig.

Welcher Herbst-Winter-Duft wird in diesem Winter aktuell sein?
Für Damen würde ich Relativamente Rosso von BOIS 1920 empfehlen. Die Verpackung und der Flakon in Rot – der Trendfarbe des Herbstes – spiegeln das Feuer der Leidenschaft wider. Espressoaromen, Rohrzucker und Strohblumen sind die markanten Duftnoten. Relativ Rot. Relativ viel Leidenschaft. Es erinnert an Abende mit einem tiefroten Chianti und romantischem Kerzenlicht. Für Herren ist Duel von Annick Goutal ein subtiler Begleiter.

Welche Düfte würden Sie als Geschenke für Weihnachten, welche für den Muttertag empfehlen?
Nun als erstes geht es immer um das Gegenüber. Am Muttertag ist es eher eine kleine Aufmerksamkeit und an Weihnachten darf es oft auch mehr sein. Zu Weihnachten empfehle ich oft ein Extrait de Parfum oder ein Artistic Parfum zu verschenken, etwas Besonderes, etwas Individuelles. An Muttertag finde ich es schön der geliebten Mutter aus einer Duftserie zum Beispiel eine passende Körpercreme oder ein Badesalz zum Verwöhnen zu schenken. Acqua di Parma hat zum Beispiel sehr schöne Körperpflegeprodukte und Kerzen.

Duftkreationen spiegeln die Zeit wider. Welcher Duft beschreibt die heutige Zeit in Ihren Augen am besten?
Unsere Zeit ist heute auf der einen Seite immer schneller, immer mehr mit Informationen belastet und auf der anderen Seite suchen wir uns Ausgleich. Für mich zeigen 3 Düfte besonders den Puls der Zeit auf. Für Modernität steht der Duft Molecule02 von Escentric Molecules und dem Parfumeur Geza Schön. Er ist ein Phänomen. Er duftet nach Bombay Gin, Almdudler und Apple Computer beim Auspacken. Er ist vom Design schlicht und klar. Ich liebe ihn, in meiner Freizeit mit Jeans und T-Shirt. Er kann von Frauen und Männern getragen werden. Unisex finde ich zu banal.  Auch Maison Francis Kurkdjian ist eine Marke, die unsere Zeit wiedergibt: modernes Parfumwissen und schlichtes Design. Aventus von Creed ist für mich einer der Klassiker der Neuzeit. Seit 1760 in Familienhand gibt es dieses Dufthaus, aber es ist nie stehengeblieben und das gefällt mir.  Auch Kilian Hennessy ist ein wahrer neuer Duft Alchemist.

Wie erklären Sie sich das Phänomen, das nach dem ersten Nischenduft, die Mainstream Düfte es doppelt schwer haben?
Ich kann mich noch sehr gut erinnern, als ich vor 14 Jahren in dieser Branche angefangen habe. Ich war 20 und meine Aufgabe war es, ein neues Segment mit aufzubauen. Premium- und Nischenmarken hieß die Mission. Parfums, die kaum einer kannte. Düfte, die nur über die Geschichte, die Mitarbeiter in den Parfümerien und am Wichtigsten über die Qualität des Duftes vermarktet werden sollten. Am Anfang war dies schwer aufgrund der Vielzahl von über 8000 kommerziellen Düften und Modedüften. Aber die Rechnung ging auf. Wenn Sie einmal einen Nischenduft hatten, ist ihre Nase – genauso wie Ihr Gaumen bei einem guten Wein – verwöhnt. Die kleinen Firmen machen ihre Düfte mit größter Leidenschaft und das spüren Sie. Dieser kleine Markt wird nun immer größer, weil die Menschen heute oft nicht riechen möchten wie die Kollegen im Büro oder der Freundeskreis oder sich abgrenzen möchten. Das kennen wir von der Mode auch. Und letztendlich ist es gut, dass dieser Duftmarkt wächst, denn so spiegelt sich wider, was die hohe Kunst des Parfums ist. An erster Stelle steht die Idee und nicht das Werbebudget.

Herzlichen Dank für das sehr interessante Interview!

Bild via PR

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